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Schweizer im "Carolina-Fieber"

Hunderte von Schweizerinnen und Schweizern wandern im 18. Jahrhundert in die Vereinigten Staaten aus, angezogen von Reiseberichten und Propagandaschriften. Viele von ihnen lassen sich in South Carolina nieder, dessen Wirtschaft seit dem 17. Jahrhundert auf einem Plantagensystem mit Sklaven beruht. Man spricht von einem regelrechten "Carolina-Fieber", welches sich so rasch verbreitet, dass einzelne Kantone die Auswanderungswilligen vor den Gefahren der Reise zu warnen beginnen. Zürich verbietet 1734 gar die Auswanderung nach Carolina und stellt das Verteilen von verführerischen Werbeschriften unter Strafe.

New Bern in North Carolina USA - Quelle: University of North CarolinaDer Berner Franz Ludwig Michel bereist zwischen 1701-1704 zweimal Pennsylvania und Virginia. Angeregt durch seine Beobachtungen dort verfasst er eine Propagandaschrift zur Auswanderung in eine wohlhabende Sklavereiwirtschaft. Er schlägt der englischen Königin Anne die Gründung einer Schweizer Kolonie in Nordamerika vor. Sie ist einverstanden, ebenso wie die Berner Obrigkeit, welche hofft, sich so von "Landsassen" - wie die armen Landlosen ohne Bürgerrecht genannt werden - und unbequemen religiösen Minderheiten wie den Täufern befreien zu können. Unter der Führung Michels und des Berner Patriziers Christoph von Graffenried (1661-1743) erreichen arme Immigranten aus Bern und aus der Pfalz die "Neue Welt" und begründen 1710 die Kolonie New Bern. Bei einem Angriff auf die Kolonie durch Indianer zieht von Graffenried mit zwei seiner "Negroes" in den Krieg. Nach gewonnener Schlacht kehrt von Graffenried in die Schweiz zurück, wo er sich das Neuschloss Worb als Alterswohnsitz errichten lässt. Auch der Lausanner Henri de Saussure (1709-1761) wandert 1730 nach Coosawhatchie in South Carolina aus. Dort eröffnet er ein Handelskontor und beginnt Reis auf seinen Ländereien anzubauen. 1752 hält er dafür 14 Sklaven.

Neuchâtel


Verkaufsanzeige für afrikanische Sklaven in den Südstaaten - Quelle: University of Virginia DMLDer Neuenburger Jean-Pierre de Pury (1675-1736) steht seit 1714 bei der Niederländischen Ostindien-Kompanie im Dienst und reist nach Südafrika, Australien und Indonesien. Angeregt durch seine Beobachtungen in Indonesien verfasst er 1718 eine Broschüre, worin er der Kompanie den Ratschlag gibt, neu kolonialisierte Gebiete durch Sklaven bewirtschaften zu lassen, wie dies schon die Römer getan hätten. Jahre später wandert Jean-Pierre de Pury in die Vereinigten Staaten aus, wo er 1732 die Kleinstadt Purrysburg in South Carolina gründet. In Neuchâtel wirbt er erfolgreich Siedler an, einige hundert Schweizerinnen und Schweizer folgen ihm nach Purrysburg und lassen sich zusammen mit anderen Europäern dort nieder. Um die grossen landwirtschaftlichen Flächen zu bewirtschaften, wird in South Carolina vielerorts auf Sklavenarbeit gesetzt. 20 Jahre nach der Gründung besitzen die Einwohner von Purrysburg bereits Dutzende von Sklaven. Jean-Pierre de Pury und sein Partner David Montagut importieren 1736 auf einem Handelsschiff eine grosse Anzahl schwarzer Sklaven, um sie in der Region zu verkaufen. Auch andere Schweizer Einwanderer in der Region halten Sklaven.

Ostschweiz


Sklaven arbeiten auf den Feldern South Carolinas - Quelle: Anna Stokes' beyondbooksJohannes Tobler (1696 - 1765), ein ehemaliger Landshauptmann aus Rehetobel in Appenzell Ausserrhoden, führt 1736 eine Gruppe von 192 Schweizerinnen und Schweizern nach South Carolina, um dort in der Gegend von New Windsor, die heute Beech Island genannt wird, eine Kolonie zu gründen. Tobler betreibt Landwirtschaft und eröffnet ein Handelskontor. Er berichtet 1752 in die Schweiz: "Ich besitze nun eine weitläufige Haushaltung, verschiedene und bequeme Häuser, Scheunen, Hütten, Magazine von Landesprodukten und Handelswaren, Knechte, Mägde, Neger, Ross und Vieh...". Seine Tochter heiratet John Joachim Zubly, der von der St. Galler Plantagenbesitzerfamilie Züblin abstammt. Auch er, ein wohlhabender presbyterianischer Pfarrer, hält sich Sklaven. Ein weiterer Schweizer Auswanderer, Jasper Nagel, erhält 1737 in New Windsor ein Stück Land, das er seinem ältesten Sohn Daniel vermacht. Dieser vererbt seiner Frau bei seinem Tod bereits ein beträchtliches Anwesen mit 100 Schweinen, 62 Schafen und 22 Sklaven.

Zürich


Die Villa Belvoir in Zürich - heute Restaurant der HotelfachschuleDer Zürcher Heinrich Escher (1776-1853), der Vater des berühmten Industriellen Alfred Escher (1819-1882), absolviert in Genf, Paris und London die Ausbildung zum Kaufmann. Er reist mit 18 Jahren in die USA, wo er in Georgia Bodenspekulation betreibt und in South Carolina mit Reis, Tabak und Kaffee zu handeln beginnt. Zudem erwirbt er ein landwirtschaftliches Gut in Pennsylvania und eine Kaffeeplantage in Kuba. Dies trägt ihm später in Zürich den Ruf eines Sklavenhändlers ein, wohin er 1814 zurückkehrt. Sein grosser Reichtum beruht auf Geschäften mit Ländereien und dem Handel mit Baumwolle, Tabak, Farbhölzern und weiteren Kolonialwaren. Escher finanziert damit den Bau der Villa Belvoir in Zürich, die er 1831 bezieht.
Im 19. Jahrhundert zieht es viele Schweizer nach Brasilien, wo sie entweder Sklaven besitzen oder selbst unter sklavenähnlichen Bedingungen arbeiten müssen...

Quellen:

Thomas David/Bouda Etemad/Janick Marina Schaufelbühl, Schwarze Geschäfte, Die Beteiligung von Schweizern an Sklaverei und Sklavenhandel im 18. und 19. Jahrhundert, Zürich 2005.
Hans Fässler, Reise in Schwarz-Weiss, Schweizer Ortstermine in Sachen Sklaverei, Zürich 2005.
http://www.beech-islandhistory.org/web/beechislandhistory/appenzellerland.htm

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